Wer ein Geschichtsbuch in die Hand nimmt, darf keinen historischen Roman erwarten, der mit kleineren und größeren Höhepunkten, mit einzelnen Schicksalen und Tragödien den Leser fesselt. Trotzdem kann die Geschichte eines Landes, insbesondere des kleinen Inselstaats Kuba, äußerst spannend sein. Wer dachte, alles, was vor der Revolution passiert sei, habe keinerlei Bedeutung, der täuscht sich. Richard Gotts "Neue Geschichte Kubas" beginnt viel früher, zur Zeit der spanischen Kolonisation, und erzählt von Sklaverei, von Massakern der spanischen Eroberer und Überfällen des berühmten Piratenkapitäns Drake, aber auch von der Wehrhaftigkeit der eingeborenen Bevölkerung, die nicht so Gott wie vielfach behauptet, komplett ausgerottet wurde und daher keine Rolle mehr in der Geschichte Kubas spielte. Der bedeutende Häuptling Hatuey etwa entschied sich bei seiner Hinrichtung dafür, doch lieber in die Hölle kommen zu wollen, wenn er dort nur keinen Christen mehr begegnen müsste.
Die Spanier kamen vor allem wegen des Goldes nach Kuba, stellten aber bald fest, dass Landwirtschaft der wesentlich lukrativere Wirtschaftszweig werden könnte. Bereits hier vor mehr als dreihundert Jahren begann der Weg in die Abhängigkeit von der Zuckerwirtschaft, die Kuba viel später, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, wirtschaftlich das Rückgrat brechen sollte.
Auch der Konflikt zwischen Kuba und den USA ist älter als viele Kuba-Freunde glauben. Er begann nicht erst mit der Einführung des Sozialismus. Schon die Emanzipation der schwarzen Sklaven auf Kuba im 19. Jahrhundert stellte für die USA eine Bedrohung dar: Ein freies, schwarzes Kuba in unmittelbarer Nachbarschaft gefährdete die Sklavenpolitik in den Südstaaten erheblich. Erschwerend kam der schwindende Einfluss Spaniens auf den Inselstaat hinzu, der die lateinamerikanischen Befreiungsbewegungen unangenehm nah an die amerikanische Küste kommen ließ.
Schließlich kam es 1902 mit der Besetzung durch die USA zur zweiten Kolonisation Kubas, der später noch eine dritte folgen sollte: der bedingungslose Anschluss an die Sowjetunion, nicht nur ideologisch, sondern auch wirtschaftlich begründet. Denn die wirtschaftliche und politische Isolation Kubas durch die USA nahm nach der Revolution 1959 erheblich zu. Auch diesem Teil der kubanischen Geschichte ist ein verhältnismäßig großes Kapitel gewidmet: den einzelnen Phasen der Annäherung an die östliche Blockmacht und deren langsame Entfernung von ihrem kleinen Verbündeten, der nach Ende des Kalten Krieges ein Stachel in den besser werdenden Beziehungen zu den USA wurde.
Die Zeit nach 1989 kommt vielleicht ein wenig kurz. Darüber hinaus wird in diesem Teil endgültig sichtbar, was schon im Vorwort angedeutet wurde: Der Autor verhehlt nicht seine Faszination für das Land und seine Menschen. So drängt sich gleich zu Beginn der Verdacht auf, dass es ihm möglicherweise misslingen könnte, was bei Kuba zugegebenermaßen schwerfällt: einen nüchternen, klaren Blick auf die historischen Ereignisse zu bewahren, ohne sich von Sympathien oder Antipathien blenden zu lassen.
Die Repression und Unterdrückung, die von dem kubanischen Regime ausgeht, kommt erheblich zu kurz, ebenso die Mangelwirtschaft, in der inzwischen ein Großteil der Bevölkerung lebt. Der Opposition werden sage und schreibe zwei Seiten gewidmet und hauptsächlich wirtschaftliche Motivationen unterstellt. Der verklärende, romantisierende Blick wird allzu deutlich auf der letzten Seite der "Neuen Geschichte Kubas", die dann eben doch eher die "alte" Geschichte erzählt, nämlich jene, welche die kubanische Regierung selbst gern verbreitet: "Die Revolution hat frische Generationen gut ausgebildeter Bürger hervorgebracht; motiviert durch die Verehrung ihres Führers und seiner Revolution besitzen sie einen gut entwickelten Sinn für Patriotismus und sind stolz auf die lange Geschichte ihres Landes und das, was ihr Volk erreicht hat." Trotzdem bietet das Buch für den informierten Leser eine Menge Zusatzinformationen. Als Einstieg in die Geschichte Kubas für jemanden, der sich kritisch, aber ohne Vorkenntnisse damit auseinandersetzen will, ist es hingegen ungeeignet.
von Frauke Manninga
aus: der überblick 03/2007, Seite 170