„Wir brauchen ein neues Wohlstandsmodell"
(08.05.2007) Interview der Zeitschrift "eins Entwicklungspolitik" mit EED-Vorstand Konrad von Bonin über Klimagerechtigkeit
Ungekannt milde Winter, Sommer, die ihren Namen verdienen – in Deutschland zeigt der Klimawandel sein angenehmes Gesicht, doch in vielen Teilen der Welt bewirkt er Zerstörung, Hunger und Konflikte. Der Evangelische Entwicklungsdienst (EED) organisierte gemeinsam mit anderen Organisationen den Kongress McPlanet.com – Klima der Gerechtigkeit, der vom 4. bis 6. Mai in Berlin stattfand. EED-Vorstandsvorsitzender Konrad von Bonin erklärt, was die Kirche zum Klimawandel zu sagen hat.eins: Was bedeutet eigentlich „Klimagerechtigkeit"?
Konrad von Bonin: Das ist ein widersprüchlicher Begriff, zusammengesetzt aus einem Wort aus der Naturwissenschaft und einem aus der Ethik. Uns geht es darum, dass die Debatte über den Klimawandel nicht zu eng geführt wird. Bewahrung der Schöpfung, Frieden und Gerechtigkeit sind zentral mit Fragen des Klimawandels verbunden.
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Konrad von Bonin
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von Bonin: Nein, unser Wohlstandsmodell ist nicht dafür geeignet, in aller Welt nachgeahmt zu werden. Wir müssen eine Alternative finden.
eins: Dürfen wir anderen einen Lebensstandard verwehren, den wir selbst genießen?
von Bonin: Dazu sind wir nur legitimiert, wenn wir sagen, auch wir wollen unser Wohlstandsmodell ändern. Wir sollten gemeinsam in einem demokratischen Willensbildungsprozess darüber nachdenken, wie das gehen kann. Fertige Rezepte helfen nicht weiter. Ich warne übrigens vor Katastrophenszenarien. Wir müssen genau beobachten, wer wie betroffen ist. Prognosen zeigen, dass der Klimawandel zu gefährlichen Dürren etwa in Afrika südlich der Sahara führen wird. Die Folgen bemerken wir schon jetzt: Konflikte wie in Darfur oder die Auseinandersetzungen zwischen Christen und Moslems in Nord-Nigeria sind in erster Linie Konflikte von Nomaden und Ackerbauern um schwindende Ressourcen.
eins: Werden solche Konflikte zu mehr Migration beitragen?
von Bonin: Ich warne vor allzu schlichten Argumentationen. Man sollte nicht an Angstgefühle appellieren, Afrikaner würden den Zaun um die „Festung Europa" niedertrampeln. Es geht vielmehr darum, als Bürger der einen Welt Gerechtigkeit zu schaffen.
eins: Das bedeutet auch Verzicht auf unseren gewohnten Lebensstandard. Wie lässt sich das vermitteln?
von Bonin: Würden wir nicht viel besser leben, wenn wir anders leben? Gerechtigkeit bedeutet nicht nur, mehr zu geben, sondern auch, weniger zu nehmen. Jeder Mensch hat das gleiche Recht auf Ressourcen wie Luft, Wasser und Boden. Ein Teil unseres Auftrages als Kirche ist es, über unser Wohlstandsmodell nachzudenken und ein neues Modell zu entwickeln, das alle teilen können.
eins: Also doch: „Sylt statt Seychellen"...
von Bonin: Der Zugang zu Ressourcen kann als Menschenrecht gesehen werden. Wenn wir mit unserer Lebensform die Freiheit anderer beschneiden, müssen wir umdenken. Ich will nicht moralisierend Verzicht predigen, aber wir brauchen ein anderes Wohlstandsmodell.
eins: Könnte eine Lösung in der Nutzung anderer Energiequellen liegen, etwa der Biomasse?
von Bonin: Das ist eine sehr spannende, sehr komplizierte und kontroverse Debatte. Ich finde es moralisch unbedenklich, Ressourcen der Natur für Mobilität zu nutzen. Jahrhundertelang hat man Hafer als Pferdefutter angebaut und so die Mobilität gesichert. Problematisch wäre es, wenn mehr Chemie im Ackerbau und mehr Monokulturen zur Naturzerstörung beitrügen. Eventuell würden sich jedoch auch positive Folgen ergeben, wenn etwa in der EU Biomasse als Energieträger angebaut würde und dadurch weniger Lebensmittelüberschüsse entstünden. Wenn weniger subventionierte Lebensmittel aus der EU auf den Weltmarkt gelangen, ist das positiv für die Länder des Südens. Es handelt sich um komplexe Zusammenhänge, deshalb brauchen wir eine demokratische, offene Diskussion. Nicht die Macht des Geldes soll entscheiden, sondern sachdienliche, ökologische Argumente.
eins: Wo sehen Sie Partner für den EED, um ein Klima der Gerechtigkeit durchzusetzen? Sehen Sie Partner auch in der Welt der Wirtschaft und der Politik?
von Bonin: An erster Stelle sind unsere Partner die kirchlichen Schwesterorganisationen wie „Brot für die Welt" oder Misereor, Umweltorganisationen und natürlich die Kirchen des Südens. Außerdem Forschungseinrichtungen wie das Wuppertal-Institut oder ähnliche Institutionen im Süden. Unternehmen treten an uns heran, die im Bereich der alternativen Energien arbeiten, etwa um Referenzprojekte im Süden aufzubauen, was uns sehr willkommen ist. Und bei Teilen der Politik sehe ich Chancen, um Kräfte zu bündeln, solange Fragen offen diskutiert und nicht nur Gewinninteressen gefördert werden. Berührungsängste, wie es sie vor 20 Jahren gab, wurden abgebaut, das finde ich gut so.
Das Interview führte Charlotte Schmitz. Es erschien zuerst in der Ausgabe 6/7 2007 der Zeitschrift eins Entwicklungspolitik.






