Globalisierung und die ökumenische Bewegung
(10.08.2006) Mit einer Erklärung zum Krieg im Libanon ist die 8. Ökumenische Sommeruniversität in Hofgeismar zu Ende gegangen. Unter dem Titel "Globalisierung und die ökumenische Bewegung" haben vom 31. Juli bis zum 6. August etwa 90 Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine kritisch-kreative Nachlese zur Vollversammlung des Ökumenischen Rates in Porto Alegre gehalten.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer debattierten auch über weiterführende Ansätze, wie die Ökumenische Bewegung für wirksame Alternativen zur gegenwärtigen neoliberalen Globalisierung eintreten kann. Zu den Veranstaltern zählte neben der Gruppe "Plädoyer für eine ökumenische Zukunft" und der Evangelischen Akademie Hofgeismar auch der EED. Teil des Programms war die Zusammenkunft der Gruppe "More Ecumenical Empowerment Together" (MEET), in der sich junge Ökumenikerinnen und Ökumeniker erstmals trafen und für eine künftige Zusammenarbeit verabredeten. Zum Abschluss der Sommeruniversität verabschiedeten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine gemeinsame Erklärung, die wir in Auszügen dokumentieren:"Mit großer Sorge nahmen die Teilnehmer/innen (...) wahr,
- dass das Echo auf Porto Alegre in der deutschen Öffentlichkeit und in vielen deutschen Landeskirchen sehr distanziert war, obwohl die Arbeit des Ökumenischen Rates sich konsolidiert hat und die Vollversammlung nach Darstellung vieler Teilnehmer wichtige und weiterführende Beschlüsse gefasst hat;
- dass in dem neuen EKD-Impulspapier "Kirche der Freiheit" über die Zukunft der Kirchen in Deutschland die weltweite Ökumene und die Frage nach Einsatz für mehr Gerechtigkeit keine nennenswerte Rolle spielen.
- dass die Kirchen in Deutschland auch weiterhin den ÖRK als das multilaterale Instrument der Ökumenischen Bewegung begreifen, daran teilhaben und es stärken. Die Kommunikationsstrukturen zwischen ÖRK und EKD sollen verbessert werden;
- dass die Diskussion über Alternativen zur gegenwärtigen neoliberalen Globalisierung fortgesetzt und weiterentwickelt wird entsprechend dem Agape-Aufruf der Vollversammlung. Dabei müssen die Stimmen der Kirchen aus dem Süden besonders gehört werden;
- dass der von der Kammer für nachhaltige Entwicklung der EKD vertretene Ansatz der Globalisierung der Menschenrechte veröffentlicht und weiterverfolgt werden soll.
- Menschen haben Vorrang in der Gestaltung von Politikfeldern. Die Kirchen haben den Auftrag, auf die Folgen hinzuweisen, die ein ungerechtes Welthandelssystem vor allem für Arme und Benachteiligte hat.
- Verantwortliche Regierungsstellen sollen Menschenrechts- und Umweltstandards in der Welthandelsorganisation (WTO) zur Geltung bringen, die ihre Verantwortung für eine menschengerechte Entwicklung der Weltwirtschaft bislang abstreitet.
- Diejenigen, die die europäische und deutsche Landwirtschaftspolitik verantworten, sollen ihre Subventionspraxis dahingehend verändern, dass eine ökologisch verträgliche Wirtschaftsweise bevorzugt wird.
- Die Kirchen sollen ihre Kompetenzzentren (z.B. die KED-Stellen, den Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt) erhalten und ausbauen, die uns in die Lage versetzen, wirtschaftliche und soziale Entwicklungen weltweit zu beurteilen, für die Belange der Armen und Benachteiligten einzutreten sowie eine entsprechende Bildungsarbeit in den Kirchen wirkungsvoll zu unterstützen.
- Die Kirchen sollen dafür Sorge tragen, dass kirchliche Ausbildungsgänge größeres Gewicht auf die inhaltliche Diskussion wirtschaftlicher Zusammenhänge und sozialer Entwicklungen legen.
- Die Akteure im Fairen Handel sollen - ergänzend zur betriebswirtschaftlichen Professionalisierung der Weltläden - die Debatte über gerechten Handel verstärkt führen. Die Fairhandelsbewegung und besonders die Weltläden sollen in ihrer politischen Bildungsarbeit zu den weltweiten Handelsbedingungen noch mehr qualifiziert werden.
- Kirchliche Einrichtungen sollen bevorzugt regionale, ökologische und fair gehandelte Produkte verwenden.
- Im kirchlichen Beschaffungswesen, insbesondere in der Wirtschaftsgesellschaft der Kirchen in Deutschland (WGKD), sollen soziale und ökologische Kriterien Anwendung finden.
- Die Kirchen sollen sich vehement dafür einsetzen, dass das "ethische Rating" (Prüfung und Bewertung von Finanzunternehmen nach sozialen und ökologischen Kriterien) als allgemeine Verpflichtung eingeführt wird (in Analogie zur Verpflichtung zur Verbraucherinformation bei Lebensmitteln).
- Aufklärungs- und Bildungsarbeit zu Themen im Zusammenhang der weltweiten Finanzmärkte und des eigenen Umgangs mit Geld muss einen festen Platz in den Kirchen erhalten (z.B. in Konfirmandenunterrichtsentwürfen, in der Erwachsenenbildung...). Um unsere eigene Abhängigkeit von wachsenden Geldmengen zu reduzieren, müssen wir als Christen die Überlegungen über eine "Gesellschaft des Genug" und über "Suffizienz" unterstützen und zu ihrer Realisierbarkeit beitragen.
- Den Kirchen wird dringend empfohlen, ihr eigenes Finanzgebaren kritisch und systematisch in den Blick zu nehmen, insbesondere ihre Rücklagenpolitik nach ethischen Kriterien zu gestalten (ethisches Investment).
- Die Kirchen sollen sich für eine Korrektur des Zinssystems einsetzen, z.B. durch die Einführung einer Besteuerung von Finanztransaktionen an den Börsen. Dies dient der Entschleunigung der Spekulationsgeschäfte und setzt gleichzeitig erhebliche Mittel zur Verwirklichung der Millenniums-Entwicklungsziele frei."
Werner Gebert
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