Das Drama der Vertriebenen
(Bonn, 23.11.2009) Die EED-Partnerorganisation "Corporación Compromiso" unterstützt in Kolumbien Opfer von Gewalt und Vertreibung – unter anderem mit Theatertherapie.
Schrille Raubvogelschreie brechen die Stille im Santander-Park in der Stadtmitte von Bucaramanga. Angst verzerrt die weiß geschminkten Gesichter der Frauen, Mädchen und Jungen, die gerade noch fröhlich getanzt haben. Sie rücken zusammen, bilden einen Kreis, suchen Schutz in der Gruppe. Zwei schwarz gekleidete, maskierte Schauspieler mit schwarzen Schwingen umschwirren die Gruppe: Adler auf der Suche nach Beute. Sie packen die Opfer und zerren sie aus dem Kreis.Die symbolische Anspielung könnte nicht deutlicher sein: nachdem die „Autodefensas Unidas de Colombia“ (AUC) nach Verhandlungen mit der Regierung im Jahr 2005 offiziell die Waffen niedergelegt haben und einige Anführer hinter Gittern landeten, nennen sich heute die meisten Paramilitärs „Águilas negras,“ schwarze Adler. Das Phänomen ist unterschwelliger geworden, die „Paras“ zeigen sich nicht mehr so ungeniert in der Öffentlichkeit, vertauschen nicht selten den Tarnanzug mit Zivilkleidung und die Schnellfeuergewehre mit leicht zu versteckenden Pistolen - doch das Problem besteht nach wie vor. Amnesty International schreibt in einem Mitte 2009 veröffentlichten Bericht: „Trotz der Behauptungen seitens der Regierung, dass alle Paramilitärs sich (…) demobilisiert haben, sind diese Gruppen weiterhin aktiv, häufig unter Duldung oder mit Zustimmung der Sicherheitskräfte, und sie begehen weiterhin Menschenrechtsverletzungen.“
Im Santander-Park wendet sich schließlich das Blatt: Opfer, die gerade noch angstvoll Körper an Körper kauerten, stehen auf, gehen aufs Publikum zu, nehmen Zuschauer bei der Hand – zusammen umzingeln sie die Adler. „Gemeinsamkeit macht stark“, rufen die Akteure. die Greifvögel werden in einen symbolischen Käfig gesperrt. Die Gerechtigkeit siegt.
Die Darsteller – ein Mann, zwei Jungen, 15 Frauen und Mädchen – sind Gewaltopfer und „Desplazados“: Binnenflüchtlinge, die aus umkämpften, von illegalen Gruppen beherrschten Gebieten in die Großtadt fliehen mussten. Rund vier Millionen Kolumbianerinnen und Kolumbianer teilen dieses Schicksal, knapp neun Prozent der Bevölkerung; nur im Sudan gibt es mehr interne Vertriebene. Die meisten Schauspielerinnen sind Witwen und alleinerziehende Mütter – ihre Männer wurden ermordet. Die Aufführung ist der Höhepunkt eines Projekts, das die kolumbianische NGO Corporación Compromiso mit Unterstützung des Evangelischen Entwicklungsdienstes (EED) angeboten hat: Theater als Therapie für Opfer von Gewalt und Vertreibung.
Theater als Therapie
„Einerseits dient das Theater der Verarbeitung von Traumata durch Symbole und Arbeit mit dem Körper“, erklärt der Sozialarbeiter Bertram Doll, der seit zweieinhalb Jahren in Bucaramanga lebt und Compromiso im Rahmen des Zivilen Friedensdienstes (ZFD) als Fachkraft unterstützt. In der Partnerorganisation Compromiso arbeitet er in den Bereichen Konflikttransformation und Kommunikation, Kunst und Kultur – ein neuer Programmbereich, der mit seiner Unterstützung aufgebaut wurde. Auch der Anstoß zum Theaterprojekt kam von ihm.
„Durch das Theaterprojekt geben wir den traumatisierten Opfern die Möglichkeit, sich erst einmal selber zu spüren und eine Heilung zu erreichen. Das ist ein wichtiger Schritt. Aber mir wurde immer deutlicher, dass es nicht ausreicht, Projekte zu verwirklichen, die den Opfern des bewaffneten und sozialen Konflikts eine Linderung ihres Leidens bieten – das wäre eine Symptombehandlung, verändert aber nichts an den Ursachen der Gewalt und der etablierten Gewaltkultur, bei der Konfliktlösung durch Gewalt zum Alltag gehört.“ Allein mit juristischen Mitteln die Einhaltung von Gesetz und Menschenrechten einzufordern und deren Verletzung zu verurteilen, habe leider wenig Wirkung gezeigt, da in vielen Fällen die Straflosigkeit ebenso alltäglich scheine wie die Gewalttätigkeit. „Mit dem Theaterprojekt verfolgen wir einen integralen Ansatz, bei dem wir durch die Selbsterfahrung der Theaterarbeit einerseits die Teilnehmerinnen und Teilnehmer individuell und kollektiv stärken. Andererseits wollen wir über Kunst und Kultur Selbstvertrauen und Identität fördern sowie symbolisch die Lebensgeschichte der Opfer aufzeigen – so können wir denen eine Stimme geben, die durch Gewalt zum Schweigen gebracht wurden.“
Mit Erfolg: die Theateraufführung „Cultivé una rosa blanca“ („Ich zog eine weiße Rose“) schaffte es in großer Aufmachung auf die Titelseite der Regionalzeitung Vanguardia liberal, Radiosender berichteten über das Ereignis; auch das Publikum auf der Plaza Santander zeigte sich beeindruckt. Die zugrundeliegende Kommunikations-Strategie definiert Bertram Doll als kulturellen Widerstand gegen den Status Quo sozialer Ungerechtigkeit: „Es geht darum, über die Sprache des Theaters auf Missstände und Notwendigkeiten hinzuweisen, Rechte der Opfer einzufordern und zu sagen: So darf es nicht weitergehen mit Mord und Vertreibung, wir sind bereits vier Millionen Vertriebene“.
Vertriebene sind oft Opfer von „falschen Erfolgsmeldungen“
Der Erfolg der Kommunikations-Strategie scheint offensichtlich. Und der therapeutische Erfolg? Es überrascht, wie frei und gefasst die Teilnehmerinnen ihre Leidensgeschichten erzählen, Geschichten, bei denen sie früher in Tränen ausgebrochen wären. „Warum bei uns kaum Männer mitspielen? Weil sie die ersten sind, die ermordet werden“, sagt Albinia (42), eine der Darstellerinnen. Ihr Mann wurde im Jahr 2002 von Soldaten festgenommen und ermordet, um als im Kampf gefallener Guerilla-Kommandant die „Erfolgsstatistik“ der Streitkräfte zu verschönern. Er war 34 Jahre alt. „Sie übergaben mir weder den Leichnam noch sonst etwas“, sagt Albinia. Sie glaubt, es gehe bei den „falsos positivos“ (falsche Erfolgsmeldungen), die 2009 mehr Schlagzeilen machten als je zuvor, nicht allein um individuelle Anreize für Soldaten wie Urlaub und Geldprämien: „Die müssen doch Zahlen für den Plan Colombia präsentieren, deswegen ermorden sie wehrlose Leute.“ Der Plan Colombia steht für millionenschwere Militärhilfe der USA, die Erfolge erwarten im Kampf gegen eine Guerilla, die sich hauptsächlich durch Kokainhandel finanziert.
Albinia hat mit allen sogenannten „bewaffneten Akteuren“ ihre Erfahrungen gemacht. Die FARC-Guerilla erschien immer wieder auf der abgelegenen Finca, die Kämpfer waren freundlich, zeigten den Kindern Gewehre und Pistolen, luden sie ein, die Waffen wie Spielzeug in die Hand zu nehmen. Albinia durchschaute die Verführungsstrategie: „Sie wollten uns die Kinder wegnehmen“. Im Dorf, beim Einkaufen, wurde die Familie von Paramilitärs schikaniert. Nie durfte man genug Lebensmittel kaufen, um fünf Kinder zu ernähren, ohne Hunger zu leiden. „Sie behaupteten, wir würden für die Guerilla einkaufen.“ Bauern, von zwei kriegführenden Gruppen in die Zange genommen – eine Situation, die sich in Kolumbien abertausendfach wiederholt hat und wiederholt. Im Jahr 2003 flüchtete Albinia mit ihren Kindern nach Bucaramanga.
Mit dem Gesetz für „Gerechtigkeit und Frieden”, das die Demobilisierung der „alten“ Paramilitärs ermöglicht hat, ist die Witwe nicht einverstanden. „Es heißt, sie hätten die Waffen niedergelegt. Doch dann tauchen sie in den Städten auf und ermorden die gleichen Vertriebenen, die wegen ihnen ihr Land verlassen mussten. Wie ist es nur möglich, dass der Staat den Henkern ein Gehalt zahlt, ihnen Wohnung und Krankenversicherung gibt?“, spielt Albinia auf Sozialleistungen an, die Demobilisierte erhalten. Darauf haben nur diejenigen Anspruch, die keine Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben; Verbrechen, die meist schwer zu beweisen sind. Albinia wurde auch in Bucaramanga bedroht, nachdem sie vor einer Fernsehkamera ihre Meinung gesagt hatte.
„Corporación Compromiso“ verbindet Menschenrechtsarbeit mit psychosozialer Arbeit
„Lediglich juristische Unterstützung zu leisten, wäre zu wenig“, begründet Compromiso-Rechtsanwalt Cristian Gómez den psychosozialen Ansatz der NGO. Den Opfern müsse geholfen werden, ihre Trauer zu überwinden, sie müssten in anderen Lebensbereichen unterstützt werden – was ihnen letztendlich auch zugute komme, wenn sie eines Tages vor Gericht ihre Rechte einfordern. Denn eine der Hauptaufgaben sei nach wie vor der Kampf gegen die Straflosigkeit. Die sogenannte „institutionelle Reparation“, bei der Opfer mit Geldbeträgen entschädigt werden, vernachlässige die Suche von Wahrheit und Gerechtigkeit.
In der Großstadt, berichtet die Psychologin Esperanza Bohórquez, werden die Vertriebenen häufig zum zweiten Mal Opfer: „Sie werden diskriminiert und verdächtigt: Die Leute sagen, es wird schon seinen Grund haben, dass man sie vertrieben hat. Deswegen leben sie ihren Schmerz im Privaten.“ Zum Schmerz kommen gravierende Veränderungen im Familienleben hinzu: nachdem der Vater ermordet wurde, ist es plötzlich die Mutter, die für vier, fünf oder mehr Kinder den Lebensunterhalt verdienen muss – ein Schicksal, das viele Darstellerinnen des Theaterstücks teilen. Die durchs Theater entstandenen Freundschaften, so die Psychologin, helfe auch, das verlorene soziale Netzwerk der Heimatregion teilweise zu ersetzen. „Und es gibt Personen, denen es erst durch dieses Medium gelungen ist, ihre Gefühle auszudrücken.“
Dies bestätigen Teilnehmerinnen wie Albinia. „Das Theater war eine exzellente Therapie. Es hat Personen, dich sich nicht trauten, ihre Gefühle auszudrücken, einen Raum gegeben, wo sie dies tun konnten.“ Gerne würde Albinia das Stück in anderen Städten aufführen, um dort ihre Mitbürger zu sensibilisieren. Auch ihre Freundin Soledad, ebenfalls Witwe eines Mordopfers und alleinerziehende Mutter, hofft, dass die Therapie fortgesetzt wird: „Die Arbeit muss weitergehen – wenn sie jetzt zu Ende ginge, wäre das, als ob man einen Blinden bei der Hand nimmt und mitten auf der Straße stehen lässt.“
Peter Marz









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Last Update: 09.07.2010 11:48:09 |
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