"Unsere Glaubensgemeinschaften hören mit sofortiger Wirkung auf, Gewalt zu lehren und zu rechtfertigen"
(Winnipeg, 23.06.2010) „Die Glaubwürdigkeit der Religionen steht angesichts der furchtbaren Armut und der Verwüstung unserer natürlichen Lebensgrundlagen auf dem Spiel“, stellt André Karamaga, Generalsekretär der Allafrikanischen Kirchenkonferenz, fest. Er ist sich damit der Zustimmung aller anderen Konferenzteilnehmer sicher. Auf dem sechsten „Gipfel der Weltreligionen“, der im Vorfeld der G8-Konferenz vom 21. bis zum 23. Juni im kanadischen Winnipeg tagte, kamen siebzig Vertreterinnen und Vertreter von Religionsgemeinschaften zusammen.
Zum sechsten Mal trafen sich verantwortliche Geistliche nicht nur der protestantischen, katholischen und orthodoxen Kirchen , sondern auch des Islam, des Judentums, des Hinduismus, Buddhismus, Schintoismus und aus der Bahaí-Religion vor einem G8-Gipfel. Die Gipfelteilnehmerinnen und -teilnehmer stellten fest, dass die Kraft der Religionen darin liege, Visionen für die Zukunft zu entwickeln und in Gemeinschaften tätig zu werden. Politikerinnen und Politiker hingegen planten und agierten in kurzen Zeiträumen. Sie fragten danach, was den Wählenden vermittelt werden kann und was kurzfristig zum Erfolg führt.Ein bedeutsamer anderer Unterschied zwischen Religion und Politik: „Armut" werde anders bestimmt. „Arm ist in Afrika, wer die Möglichkeit verloren hat, solidarisch zu handeln", sagte André Karamaga. Alle Religionen kreisten darum, die Würde der Menschen zu bekräftigen. Ohne solche religiösen Vergewisserungen bestehe die Gefahr, dass Gesellschaften das goldene Kalb „Besitz" oder „Wirtschaftswachstum" in den Mittelpunkt stellten.
Einen besonderen Akzent setzten in diesem Jahr die kanadischen „First Nations". Die indigenen Gemeinschaften haben es durchgesetzt, dass sich die kanadische Gesellschaft und die Kirchen in den letzten Jahren mit der Geschichte von Verdrängung und Zwangsassimilierung auseinandersetzen mussten. Mit der Entzündung eines durchgehend brennenden „heiligen Feuers" und bewegenden, aber auch zornigen Redebeiträgen, haben sie den so genannten Hochreligionen verdeutlicht, dass auch sie nicht länger religiös ausgegrenzt werden wollen: Gerade die Erfahrungen der „Naturreligionen" könnten im 21. Jahrhundert dazu helfen, sich den großen Zukunftsaufgaben besser zu stellen.
In der Umsetzung der Millenniumsentwicklungsziele können Muslime wie Juden, Buddhisten und Bahaí eine gemeinsame Aufgabe der Menschheit sehen. Die Vertreter der Religionen erinnerten daran, dass über 50 Prozent aller Erziehungseinrichtungen weltweit von den Religionsgemeinschaften getragen seien; nicht viel anders sei es beim Gesundheitswesen. Ansprüche, die sie an die Regierungen stellen, seien es an die der G8 oder die von Entwicklungsländern, gelten für die Religionsgemeinschaften selbst auch.
Selbstkritik müssten die Religionen üben, wenn sie selbst zum Ausgangspunkt von Gewalt und Unfrieden würden. Pfarrer Sudermann von der US-amerikanischen Mennonitenkirche schlägt deswegen ein „Neuntes Millenniumsentwicklungsziel" vor, eines, das speziell für die Religionen gelte: „Unsere Glaubensgemeinschaften hören mit sofortiger Wirkung auf, Gewalt zu lehren und zu rechtfertigen".
Der sechste Gipfel der Weltreligionen hat am 23. Juni mit Zustimmung aller die „Erklärung der Religionsgemeinschaften 2010" verabschiedet.
Jürgen Reichel








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Last Update: 14.02.2011 11:52:43 |
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