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"Klimawandel ist größte Herausforderung in 15.000 Jahren Menschheitsgeschichte"


(München, 14.05.2010) Es war eine Podiumsdiskussion der Superlative: „Der Klimawandel ist eine Herausforderung, die wir in den 15.000 Jahren Menschheitsgeschichte noch nie gekannt haben.“, sagte der Leiter des Potsdam Institut für Klimaforschung, Ottmar Edenhofer. „Wenn wir die Katastrophe erst einmal sehen, dann ist die Zeit zu Handeln vorbei“, fügte Bundesumweltminister Röttgen hinzu. „Wir sehen die Konsequenzen heute, ihr werdet sie morgen sehen“, brachte es der Generalsekretär der Pazifischen Kirchenkonferenz Fe'iloakitau Kaho Tevi auf den Punkt. Ein Wunder, dass die Debatte doch hoffnungsvoll endete.
Klaus Breyer übergibt Norbert Röttgen die Klimaresolution
Bild vergrößern Klaus Breyer übergibt Norbert Röttgen die Klimaresolution
Für den Politikwissenschaftler Claus Leggewie stellt der Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull eine Mahnung dar: „Wir sehen, wie ein Ereignis, das wir nicht beeinflussen können, unser Leben und Wirtschaften beeinflusst." Genauso ein Ereignis sei auch der Klimawandel. Diese Mahnung müsse die Menschen zu der Erkenntnis bringen, das eine Änderung notwendig ist: „Wir leiden unter einer Überentwicklung."

Demokratie muss Handlungsfähigkeit beweisen

„Wir nehmen permanent Kredite auf die Zukunft auf", beschrieb Edenhofer das Grundproblem der Atmosphärenverschmutzung. Der Emissionshandel sei ein sinnvolles Instrument dagegen: „Wenn wir sagen, das der Ausstoß von Klimagasen einen Preis hat, dann akzeptieren wir, dass die Aufnahmefähigkeit der Atmosphäre begrenzt ist. Künftige Generationen, die vor allem im Süden leben werden, brauchen auch noch Deponieraum." Edenhofer warnte davor, die Lösung der Klimakrise in einer Ökodiktatur zu suchen. Autokratische Systeme könnten zwar Entscheidungen schneller durchsetzen, sie seien aber erheblich langsamer in der Lage zu lernen.

„Die Bundesregierung hat ein falsches Signal gegeben, als sie die Anreizsysteme für erneuerbare Energien aussetzte", sagte Claus Leggewie. Die Ökobewegung war seiner Auffassung nach sowohl personell als auch inhaltlich noch nie so stark wie heute. Der Gesellschaft seien aber „die Instrumente der demokratischen Teilhabe entwunden, von einer Fernseh- und Parteiendemokratie."

Dem widersprach Bundesumweltminister Röttgen: „Die Instrumente sind da, wir müssen nur davon Gebrauch machen. Es ist notwendig Druck zu machen, denn das hat auch Auswirkungen auf die Politik." Es sei erforderlich, dass national gehandelt werde, obwohl das Problem nicht national lösbar sei. Gleichzeitig müsse eine neue Form von Diplomatie entwickelt werden, die zu einer globalen Handlungsfähigkeit führen muss. „Wir müssen nicht die Vorreiter sein, sondern die Antreiber des Prozesses. Wir müssen gleichzeitig verhandeln und handeln."

Die Klimakatastrophe findet heute statt

Der Generalsekretär der Pazifischen Kirchenkonferenz Fe'iloakitau Kaho Tevi sagte, dass der Klimawandel für die Menschen im Pazifik kein abstraktes Problem in der Zukunft darstellt: „Wir kommen von einem flüssigen Kontinent. Der Wasseranstieg betrifft die Menschen direkt. Unser Grundwasser wird salzig und in unseren Dörfern gibt es keine Elektrizität mehr, weil alle Elektroleitungen korrodiert sind. Wie ihr lebt, das beeinflusst die Lebensbedingungen bei uns." Er appellierte an die Kirchentagsbesucher dies unter dem Aspekt der Verbundenheit in der einen Kirche zu bedenken.

Die Direktorin des "Indian Network on Ethics and Climate Change" Nafisa Goga D'Souza wies darauf hin, dass Frauen die ersten Leidtragenden des Klimawandels sind. Sie müssten dafür sorgen, dass für ihre Kinder die nächste Mahlzeit auf dem Tisch steht: „Früher gab es bei uns viel Wasser, aber jetzt gibt es eine Wasserkrise, zu wenig Trinkwasser. Industrien haben die Grundwasserquellen abgegraben. Frauen müssen wieder kilometerweit gehen, um Wasser zu holen."

„Es ist wichtig, dass wir das, worüber wir abstrakt sprechen, mit Menschen verbinden", sagte Sonja Weinreich, Referentin für Gesundheit beim Evangelischen Entwicklungsdienst. „Diejenigen leiden am meisten unter den Veränderungen, die am wenigsten dazu beigetragen haben. Mütterkrankheiten, Säuglingskrankheiten nehmen zu, alte Menschen können steigende Temperaturen schlecht vertragen. Menschen werden sterben." Vor diesem Hintergrund sei es unsinnig vom „Klimawandel" zu sprechen, es gehe um eine „Klimakatastrophe". „Wir haben als Kirchen große Verantwortung, aber auch als einzelne Christinnen und Christen. Wir haben die Aufgabe die Schöpfung zu bewahren, wir haben die Aufgabe in der Nachfolge Jesu Menschen zu heilen und für ihre Gesundheit zu sorgen."

Wer kann dem Klimawandel etwas entgegensetzen?

Gerade in dieser Situation der herannahenden Katastrophe sieht Claus Leggewie eine Chance. „Heute sind alle ‚Change Agents': Ärzte, Architekten, Nahrungsproduzenten und Verbraucher." Neben dem ökonomischen Nutzen durch Energieeinsparungen hätten sie auch einen „Prozessnutzen": sie gewönnen ein kompakteres Weltwissen. „Die Konsumentenverbände sind Schlafende Riesen. Warum soll sich nicht ein Tennisverein für Nachhaltigkeit einsetzen? Der Wandel ist überfällig und er wird Spaß machen."

Auch die Kirchentagsbesucher trügen bereits mit ihren Kirchensteuermitteln dazu bei, dass sich Partnerorganisationen in Übersee gegen den Klimawandel einsetzen können, ergänzte Sonja Weinreich. Das wichtigste sei aber nicht die finanzielle Förderung, sondern die globale Partnerschaft als weltweite kirchliche Familie.

Einen weiteren Ansatz, der sich auch auf die Entwicklungländer positiv auswirken wird, sieht Ottmar Edenhofer im Handel mit Verschmutzungsrechten. „Wenn jeder Mensch zwei Tonnen CO2-Ausstoß verursachen darf, dann haben die Entwicklungsländer Emissionsrechte, mit denen sie handeln können. Die Einnahmen würden die Entwicklungshilfe um ein Vielfaches übersteigen."

Norbert Röttgen machte als Gegner des Mentalitätswechsels vor allem diejenigen aus, die sich unter Ausblendung der Zukunft heute noch Gewinne sichern wollten. Dies sei aber ein kurzfristiges Denken: „Klimaschutzkosten sind nicht Zusatzkosten der Produktion. Sie mit zu berechnen ermöglicht überhaupt eine Produktion in der Zukunft."

Daraufhin übergab Klaus Breyer, der Leiter des Instituts für Kirche und Gesellschaft , Minister Röttgen eine Resolution des Ökumenischen Kirchentages vom Vortag, um ihn auf seinem Weg weiter zu ermutigen: „Wir fordern die Bundesregierung auf, ein Energiekonzept zu verabschieden, das die Reduzierung der deutschen Treibhausgase um mindestens 40 Prozent bis 2020 und mindestens 95 Prozent bis 2050 zum Ziel hat, am Atomausstieg festhält, den Neubau von Kohlekraftwerken stoppt, Energieeffizienz wirksam fördert, die Energieinfrastruktur um- und ausbaut und die vollständige Umstellung auf Erneuerbare Energien konsequent durchführt."

Einen hoffnungsvollen Ausblick gab Fei Tevi: „Wir sprechen als Kirchen immer über die Verbindung von Himmel und Erde. Unsere Rolle ist es, die Schöpfung zu bewahren. Diese einfachen Lehren müssen wir uns immer und immer und immer wieder in Erinnerung rufen. Das ist nicht schwierig zu verstehen, es ist eine ganz einfache Botschaft: ‚Bewahre deine Umwelt und deine Umwelt wird dich bewahren.'"

Michael Billanitsch