„Ein guter Lehrer unterrichtet seine Schüler auch unter einem Baum gut."
(München, 13.05.2010) Auf dem ökumenischen Kirchentag fand eine Podiumsdiskussion über die Rolle der Entwicklungshilfe für das afrikanische Bildungswesen vor passender Kulisse statt: in einem Hörsaal der Technischen Universität. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sprachen sich vor allem dafür aus, dass die Lehramtsausbildung verbessert wird und der sprachliche und kulturelle Hintergrund der Kinder berücksichtigt werden muss.
Boniface Mabanzas von der Heidelberger „Kirchlichen Arbeitsstelle Südliches Afrika" hatte ein Schlüsselerlebnis, das seinen Blick auf Bildung geprägt hat. Er hatte bereits das Gymnasium abgeschlossen und besuchte seine Großeltern, die in einem Waldgebiet im Kongo wohnten. Auf einem Spaziergang erzählte sein Großvater etwas über die Dinge um sie herum, über die Pflanzen, die Tiere und wodurch sie für die Menschen nützlich waren. Mabanza fragte sich, woher dieser Mann, der niemals eine Schule besucht hatte, dieses Wissen nahm. Sein Großvater antwortete, dass im Dorf abends am Lagerfeuer immer Märchen erzählt wurden, durch die man sich das Wissen spielerisch angeeignet hat. Die jungen Menschen sind immer gern dorthin gekommen. Mabanza stellte daher die Frage: „Ist unser Bildungssystem dem Kontext, in dem wir leben, angemessen?" Was Didaktik angeht, könne die Welt viel von Afrika lernen.Mabanza sprach sich aber gegen ein romantisiertes Bild der Vergangenheit aus: Man müsse zu einer Synthese gelangen zwischen der Tradition, die nicht mehr vollständig zu erreichen ist, und der Moderne, in der auch nicht alles nachahmenswert sei, was aus Europa und Amerika kommt.
Auch Florence Tsague Assopgoum, Doktorandin an der Universität Siegen, sprach sich dafür aus, den Sachverstand von Afrikanerinnen und Afrikanern, die in Europa ausgebildet wurden, zu nutzen. Sie könnten Brücken bauen zwischen Europa und Afrika: „Wenn wir heute über die Reform der Bildung in Afrika sprechen, dann müssen Menschen wie Boniface Mabanza gefragt werden. Die Diskussion in Europa schätzt das Fachwissen der afrikanischen Fachleute nicht genügend."
Schulen sind ohne gutes Lehrpersonal nutzlos
Kurt Gerhardt, ehemaliger WDR-Journalist und früherer Landesbeauftragter des Deutschen Entwicklungsdienstes im Niger, bekräftigte seine im Bonner Aufruf geäußerten Zweifel am Wert der an Einzelprojekten orientierten Entwicklungshilfe. Er zieht aus seiner Erfahrung in der Entwicklungszusammenarbeit den Schluss, dass eine gute Schule den Schlüssel zum Entwicklungserfolg bietet. Dabei sieht er vor allem die Lehramtsausbildung im Zentrum des Interesses: „Ein guter Lehrer unterrichtet seine Schüler auch unter einen Baum gut." Dieser zeichne sich durch zwei Eigenschaften aus: er muss gebildet sein und er muss motiviert sein.
Der Grund, warum aber mehr Schulbauprogramme aufgelegt werden, sei, dass sich der Bau von Schulen in Zahlen messen lässt. Das sage aber nichts über die Qualität des Unterrichts aus. Für Gerhardt steht als Ergebnis seiner Erfahrungen in der Bildungsarbeit die Frage im Mittelpunkt: „Wenn der Lehrer das wichtigste ist - was können wir dann machen?"
Dem schloss sich EED-Vorstand Rudolf Ficker im Grundsatz an: Der Angelpunkt der Bildung sei der Lehrer oder die Lehrerin. Für eine Verbesserung der Bildungslandschaft in den Entwicklungsländern müsse die universitäre Bildung ins Zentrum gestellt werden, damit sich die Lehramtsausbildung verbessere.
Sprache und Kultur sind der Schlüssel zum Bildungserfolg
Einen zweiten Schwerpunkt der Diskussion bildete die Rolle der Kultur und der Sprache im afrikanischen Bildungswesen. Florence Assopgoum, die mit Ihrer Familie ausschließlich in einer kamerunischen Regionalsprache gesprochen hatte, berichtete davon, wie sie anfänglich dadurch verunsichert wurde, dass das Bildungswesen mit der französischen Sprache verbunden war. „Ich bin mit einer anderen Sprache aufgewachsen, als die, in der ich in der Schule unterrichtet wurde. Später studierte sie zum Teil auf Englisch, zum Teil auf Deutsch." Geblieben ist eine tiefe Verunsicherung: „Ich bin heute eigentlich ohne Sprache."
Insbesondere in der Grundschule müsse der Schulunterricht in der Muttersprache geführt werden, so Assopqoum weiter. Doch neben der sprachlichen Barriere müssten die Schülerinnen und Schüler in Kamerun auch eine kulturelle überwinden. In den Schulbüchern finden sich heute noch Beispiele wie: „Ein Flugzeug fliegt von Berlin nach Paris ...", die mit der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler in keinem Zusammenhang stehen. Auch die Lehrpläne würden zum Teil noch von Vorgaben aus Frankreich bestimmt. So müssten nach wie vor französische Romane gelesen werden, die keine Erfahrungen aus Kamerun reflektierten.
Kurt Gerhardt bezweifelte, dass die Kultur beim Lernen in der Grundbildung eine wesentliche Rolle spiele: „Die physikalischen Gesetze gelten überall gleich und Eins plus Eins ist überall Zwei."
Dem widersprach Rudolf Ficker. Es gäbe sogar bei der Mathematik keine kulturelle Unabhängigkeit. Er berichtete von einer Gegend von Indonesien, in der alle Schüler in Mathematik schlechte Leistungen erzielten. Als man das Phänomen genauer unter die Lupe nahm, wurde festgestellt, dass die Menschen einfach anders mit Zahlen umgingen. Wenn man fragte, wie viele Menschenleben eine Naturkatastrophe gefordert hat, bekam man nur die Antwort: „Es gab viele Tote", während nach unseren Begriffen von 120 Todesopfern die Rede gewesen wäre. Aber die Menschen konnten die Namen von allen Toten nennen - sie konnten die Anzahl nur in Beziehung zu sich selbst erfassen.
Ist muttersprachlicher Unterricht überall möglich?
Aus dem Publikum wurde die Möglichkeit der Grundbildung in der Muttersprache in Frage gestellt. Bei dreitausend Sprachen, die in Indien gesprochen werden, sei das einfach nicht möglich.
Dem stimmte Rudolf Ficker, der selbst jahrelang in Indien an der Universität unterrichtete, im Prinzip zu: Es sei nicht notwendig für alle indischen Sprachen eine komplette Bildungsinfrastruktur aufzubauen. Es gäbe aber fünfzehn große Sprachen und Sprachgruppen, in denen das zumindest möglich sein müsse. Seine Studentinnen und Studenten konnten sich nicht einmal vorstellen, dass er seine Dissertation in seiner Lokalsprache Deutsch verfassen durfte.
Mabanza wies auf den kulturellen Reichtum seiner Heimat hin: „Im Kongo wachsen alle Kinder mehrsprachig auf, jeder kann fünf Sprachen. Das ist im Bildungssystem nur noch nicht angekommen." Die Kinder sprächen je nach Situation und Gesprächspartner eine andere Sprache. Wenn man dieses besondere Merkmal der kongolesischen Gesellschaft ignoriere, könne das Bildungssystem nicht erfolgreich wirken. Das sich die Lehrpläne nach wie vor an europäischen Vorbilder orientierten, läge an einer „Dialektik des kolonialisierten Geistes": „Es gibt bei uns Menschen, die nicht die Kolonialisierung und ihre Strukturen überwinden wollen. Sie wollen nur in die Fußstapfen der Kolonisatoren treten und ihre Privilegien übernehmen."
Seine augenzwinkernde Lösung der kongolesischen Bildungsprobleme: wenn er Bildungsminister im Kongo gewesen wäre, hätte es dort längst eine grundlegende Schulreform gegeben.
Michael Billanitsch








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