Fußball für das Leben
(San José, 10.11.2008) Mit Unterstützung des EED und von "Brot für die Welt" arbeitet das Projekt „Fútbol por la vida“ in Costa Rica daran, Kindern und Jugendlichen aus schwierigen sozialen Verhältnissen eine bessere Perspektive zu geben.
Jenseits von weißen Traumstränden, majestätischem Regenwald und mystischen Vulkanen liegt das andere Costa Rica. Sein zweites Gesicht sind die „Barrios“. Am Rand der Städte wachsen diese einfachen Wohnsiedlungen, in denen heute bereits zwischen 20 und 30 Prozent der gut vier Millionen Menschen des Landes leben, immer weiter. „Die Realität in diesen Barrios bedeutet für die dort lebenden Jugendlichen und Kinder Kriminalität, Drogenhandel, Prostitution und sexueller Missbrauch“, sagt Andreas Teltscher, der als EED-Fachkraft in Costa Ricas Hauptstadt San José für ein außergewöhnliches Jugendprojekt arbeitet: „Fútbol por la vida“.Sich für Kinder und Jugendliche, die hier oft als Bandenmitglieder vorverurteilt werden, zu engagieren und ihnen eine faire Chance zu geben – das ist das Ziel der Initiative. Gegründet wurde das ökumenische Straßensozialprojekt „Fútbol por la vida“ im April 2004 von Organisationen rund um die lutheranische Kirche Costa Ricas (ILCO). Finanzielle Unterstützung kommt vor allem von zwei Organisationen: dem irischen katholischen Hilfswerk „Trócaire“ und der deutschen Organisation „Brot für die Welt“. Außerdem steht hinter dem Projekt ein deutscher Schirmherr: der bekannte Fußballcoach Felix Magath. Er trainiert heute den Bundesligisten VfL Wolfsburg und informiert sich regelmäßig über die Entwicklung von „Fútbol por la vida“, dessen Fortschritte ihn begeistern.
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Neue Perspektiven im Trainingscamp | © fútbol por la vida
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„Die Unterstützung durch deutsche Entwicklungshilfe und Kirchengemeinden ist für uns lebensnotwendig“, sagt Roy Arias, Projektkoordinator von „Fútbol por la vida“. Keinesfalls dürfe die Entwicklungszusammenarbeit dabei Aufgaben übernehmen, welche den costaricanischen Staat aus seiner sozialen Verantwortung entließe. „Ganz im Gegenteil, wir mahnen das an. In der Öffentlichkeit wollen wir Bewusstsein schaffen für die schlimme Situation in den „Barrios“ und das Fehlen einer vernünftigen Sozial-, Bildungs- und Gesundheitspolitik“, erklärt Psychologe und Sozialarbeiter Arias. Entwicklungsfachkraft Teltscher weiß von einem kleinen Erfolg bei der Öffentlichkeitsarbeit des Projektes zu berichten: „Im Vorfeld der Fußball-WM haben uns auch costaricanische Journalisten besucht. Einige waren entsetzt, versicherten, dass ihnen diese Probleme nicht bewusst waren und sie fortan nicht mehr die Augen davor verschließen würden“.
Wichtiges Element bei der Bewusstseinsbildung sind auch die Turniere, welche „Fútbol por la vida“ regelmäßig mit Mannschaften von Schulen aus besseren Gegenden organisiert. Denn so lernen sich Nachwuchs aus den „Barrios“ und der höheren Mittelschicht kennen. Auch Eltern und Lehrer lernen, dass die Kicker aus den Ghettos ganz normale Kinder sind und keine Banditen. Besonderer Besuch kam im Jahr 2006 zu einem Freundschaftsspiel mit der Schulmannschaft des deutschen „Colégio Humboldt“ in San José: Franz Beckenbauer besuchte die Kinder und Jugendlichen als Botschafter der deutschen Fußball-Weltmeisterschaft.Natürlich ist die Teilnahme an dem Fußballtraining von „Fútbol por la vida“ keine Garantie dafür, dass sich die Jugendlichen am Ende nicht doch einer Bande anschließen und auf die schiefe Bahn geraten. In einigen der sechs Fußballschulen müssen die Trainer zu Beginn des Unterrichtes ihren Schützlingen erst einmal Messer und Pistolen abnehmen, denn oftmals sind ihre älteren Geschwister bereits in Bandenkriege verstrickt.
„Es ist schon krass, was man da so aus dem Alltag der Kinder mitbekommt“, berichtet Silvia Ramirez. Sie ist eine der Sozialarbeiterinnen beim Training und Ansprechpartnerin für die Jungen und Mädchen. „Meistens fragen sie mich zum Thema Beziehung und Sexualität, denn keiner von ihnen hatte jemals Sexualkundeunterricht“, sagt Ramirez. Gewalt vor allem gegenüber Mädchen steht auf der Tagesordnung, in solchen Fällen ist die Sozialarbeiterin tröstende Schulter, medizinische und rechtliche Beraterin in einer Person. Ihre Handynummer gibt sie stets weiter, ist damit rund um die Uhr zu erreichen. „Die schlimmsten Anrufe kommen spät in der Nacht. Aber ich liebe meine Arbeit und ich lebe von den kleinen Erfolgen, denn ich sehe, wie es einzelne Kinder und Jugendliche schaffen voranzukommen.“
Torge Löding
Der Artikel erschien zuerst im Internetmagazin "Deutschland online".




