Mittelamerika: Gemeindetourismus als Entwicklungsalternative
(20.11.2007) Gemeindebasierter, ländlicher Tourismus bietet nicht nur dem Urlauber eine unvergessliche Erfahrung. Er dient als Werkzeug für die ländliche Entwicklung. Der Weg zum Erfolg ist steinig, nicht jede Region bietet sich dafür an. Aber die Erfahrung im mittelamerikanischen Costa Rica hat Modellcharakter und findet nun erste Ableger in anderen Ländern der Region.
Zum Frühstück schauen die Vögel vorbei. Es sind dutzende in allen Farben des Regenbogens, welche die Gäste beim Morgenkaffee von den Wipfeln des Tropenwäldchens aus mit ihren Melodien erfreuen oder sich um die von Doña Rosa Bonilla bereitgelegten Früchte zanken. „Als wir diese Parzelle vor zwanzig Jahren zugesprochen bekamen war es Weideland, kein Baum oder Busch spendete Schatten“, berichtet die Campesina. Ihre Familie konnte sich damals nicht einmal den Bau eines Bauernhäuschens leisten, sondern schlief unter einem von Holzpfählen getragenen Blätterdach. Heute wohnt sie nicht nur in einem eigenen Haus, sondern beherbergt in fünf schönen Blockhäuschen zudem noch Touristen aus aller Welt. Als Pioniere des Gemeindetourismus haben es die Bonillas und ihr „Arenal Oasis“ mit Blick auf den aktiven Vulkan Arenal am Ortsrand von La Fortuna im Norden Costa Ricas sogar als Geheimtipp in einen führenden Reiseführer geschafft.Gemeindebasierter, ländlicher Tourismus bietet nicht nur dem Urlauber eine unvergessliche Erfahrung; er dient als Werkzeug für die ländliche Entwicklung. Der Weg zum Erfolg ist steinig, nicht jede Region bietet sich dafür an. Aber die Erfahrung im mittelamerikanischen Costa Rica hat Modellcharakter und findet nun erste Ableger in anderen Ländern der Region. Vor acht Jahren begannen Experten der Nichtregierungsorganisation „Mittelamerikanische Vereinigung für Wirtschaft, Gesundheit und Umwelt“ (Asociación Centroamericana para la economía, la Salud y el Ambiente / ACEPESA) mit Unterstützung des Evangelischen Entwicklungsdienstes den Beratungsprozess; zum Beispiel mit Akteuren aus der Gegend um den Vulkan Arenal in der Zona Norte (Nordzone). Ein wichtiger Partner in diesem Prozess war von Anfang das Beratungsprogramm für ländliche Entwicklungsstrategien, angesiedelt beim langjährigen EED-Partner in der Region „Culturas y Desarrollo de Centroamérica“ (CUDECA), das auch bei der Vernetzung des Tourismusprojekte zwischen Costa Rica und Nicaragua eine zentrale Rolle spielte.
Im Oktober besuchte eine Delegation des EED einige der Projekte. „Nicht nur der Aspekt der Einkommenserwirtschaftung ist wichtig, auch die kommunale Selbstverwaltung in den Dörfern wurde gestärkt“, sagt der Leiter des EED-Lateinamerikareferates Uwe Asseln-Keller. Achtzig Campesino-Familien in der Region zwischen Vulkan Arenal und dem Rio San Juan, der Grenzfluss mit Nicaragua, beteiligen sich heute an dem Netzwerk „Vacaciones con familias campesinas“ (Urlaub mit Bauernfamilien), welches koordiniert wird vom ökologischen Landjugendverband „Jovenes Agriecologistas de la Zona Norte“ (JAZON).
Das Rund-um-Angebot von „Arenal Oasis“ mit Bungalows, eigenem Restaurant und Wanderwegen ist dabei die Ausnahme. „Wir wollen nicht, dass sich die Familien verschulden“, erklärt Yeudi Herrera, Bauernsohn und heute Vorsitzender von JAZON. Die einfachste Möglichkeit sich am Gemeindetourismus zu beteiligen, ist es Touristen in das Kleinbauernleben einzuführen; sie am Kühemelken oder Tortillabacken teilhaben zu lassen. Von dort bis zur Einrichtung eines Gästezimmers unter dem eigenen Dach ist es dann noch ein langer Weg. „Im Laufe des Prozesses haben wir gelernt, dass wir von Anfang an vermitteln müssen, dass die Campesinos nicht ihre traditionelle Rolle aufgeben sollen, sondern der Gemeindetourismus eine zusätzliche Einnahmequelle ist“, sagt Ronald Arias von ACEPESA. Ein guter Teil der Einnahmen dient den Kleinbauern-Familien übrigens zur Finanzierung von umweltfreundlichen Maßnahmen wie Biogasgewinnung, Gewässerschutz oder Wiederaufforstung.
Während Costa Rica bereits touristisches Boomland ist, steht der Nachbar Nicaragua noch am Anfang dieser Entwicklung. Als Reiseziel bis Ende der Neunziger Jahre vollkommen unbekannt war die mystische Zwei-Vulkaninsel Ometepe, welche im mächtigen Nicaraguasee thront. Die kleine Insel ist in zwei Regierungsbezirke aufgeteilt, die jahrzehntelang eigentlich nichts miteinander zu tun haben wollten. Das Thema Tourismus hat die Vertreter beider Gemeinden nun an einen Tisch gebracht; eine inselweite Entwicklungskommission mit Vertretern aus Wirtschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft wurde ins Leben gerufen. Hier werden auch die Erfahrungen mit Gemeindetourismus in Costa Rica diskutiert, die als Grundlage dienen für eigene Projekte, die sich an der lokalen Realität orientieren.
Ometepe wird von den etablierten Anbietern des Gemeindetourismus in Costa Rica als Ziel auf Zwei-Länder-Rundreisen angeboten. Auf die Reisegruppen freut sich besonders Don Faustino, die Führungspersönlichkeit einer Indígenagemeinde in der Nähe von Charco Verde. Gemeinsam mit seiner Tochter leitet er eine traditionelle Musik- und Tanzgruppe, die Attraktion beim „kulturellen Abend“ auf der Insel. Der über-80jährige begrüßt Gäste mit offenen Armen, erzählt lustige Anekdoten und lacht selbst sehr gerne. Dabei macht er aber auch keinen Hehl daraus, wie wichtig die „kulturellen Abende“ für seine Gemeinde sind. Geld wird dringend benötigt, um die Schule besser auszustatten und einen neuen Brunnen zu bohren. Derzeit müssen die Dorfbewohner eine halbe Stunde durch den Wald laufen, um an Trinkwasser zu kommen.
Ganz am Anfang steht die Kooperative von Ostional, eine kleine Gemeinde an der nicaraguanischen Pazifikküste, die vor gut zwei Jahren mit dem Aufbau des Gemeindetourismus begonnen hat. Dort bietet man Unterkunft bei den Familien und Ausflüge, im ganzen vergangenen Jahr kamen aber gerade einmal 200 Gäste. Dennoch sind die Erwartungen hoch, sagt José Sanchez, Sprecher der Kooperative: „Der Tourismus soll uns helfen die erste Gemeinde in Nicaragua zu sein, welche die Milleniumsziele zur Entwicklung erreicht.“
Damit der Gemeindetourismus ein Chance hat, ist das richtige Timing wichtig, konstatiert Tilman Henke, Vorstand Finanzen des EED in Bonn: „Tourismus ist ein weltweiter Megatrend. Da ist es wichtig früh genug dran zu sein, denn nur so können Grundlagen geschaffen werden, die dann auch widerstandsfähig sind, wenn das große Geld kommt. Zudem ist Tourismus ein wichtiges Lobbythema für uns in Deutschland, es hat wichtige Aspekte wie Begegnung und Umwelt“.
Torge Löding (Voces Nuestras, Costa Rica)




