Die zentrale Frage ist: "Wie gehen wir mit den Geringsten und Ausgeschlossenen um?"
(18.05.2008) Interview mit Thomas Kemper, Missionssekretär der Evangelisch-methodistischen Kirche und Aufsichtsratsmitglied des EED.
Angesichts der Nahrungsmittelkrise in vielen Ländern der Erde fordert Thomas Kemper, Missionssekretär der Evangelisch-methodistischen Kirche und Aufsichtsratsmitglied des EED, dass sich die Kirchen vor allem bemühen müssen, die Ärmsten der Armen zu erreichen. In dem angekündigten gemeinsamen Werk aus „Brot für die Welt" und Evangelischem Entwicklungsdienst sieht er die Chance, dass die Entwicklungsarbeit der Evangelischen Kirchen sichtbarer wird, weil sie mit einer Stimme spricht.EED: Die aktuelle Nahrungsmittelkrise in zahlreichen Staaten des Südens zeigt, dass die Bitte des Vaterunser: „Unser tägliches Brot gib uns heute" für viele Menschen nach wie vor eine existenzielle Bedeutung hat. Wie sollten die Kirchen mit dieser Herausforderung umgehen?
Thomas Kemper: Ich denke, für die Kirchen ist es ausgesprochen wichtig, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit zusammenhalten. Oder wie man es im Entwicklungsdeutsch ausdrücken würde: die „rights based" und die „needs based" Arbeit. Wir müssen sehr darauf achten, dass wir diese beiden entwicklungspolitischen Ansätze auch in der Frage des Hungers nicht gegeneinander ausspielen. Gerade diejenigen Organisationen, Gemeinschaften und Aktivitäten, die beides zusammenhalten, verdienen unsere Unterstützung.
Die „Hungerstudien" von Brot für die Welt haben zudem sehr eindrücklich gezeigt, wie schwierig es ist die extrem Armen zu erreichen. Je ärmer eine Person oder eine soziale Gruppe ist, umso unwahrscheinlicher ist es, dass sie von Entwicklungshilfe profitieren. Projektkriterien wie hohe Eigenbeteiligung oder rasche Selbsthilfefähigkeit sind im Hinblick auf die Hilfe für die Ärmsten der Armen oft kontraproduktiv. Es reicht auch nicht einfach mehr Nahrungsmittelhilfe zur Verfügung zu stellen, ohne dass besonders Bedürftige auch den Zugriff darauf erlangen. Der Unterschied in der Lebensmittelverteilung zwischen Kindern, Frauen und Männern in allen Ländern ist nach wie vor erschreckend. Deshalb gehören Barmherzigkeit und Gerechtigkeit zusammen und da ist evangelische Entwicklungsarbeit besonders gefordert. Wie gehen wir mit diesen Geringsten und Ausgeschlossenen um? Wie kommen wir an ihre Seite? Und wir müssen von der staatlichen Entwicklungshilfe immer wieder die Armutsbekämpfung gerade auch im ländlichen Raum einfordern.
EED: Der EED will in den nächsten Jahren mit dem Diakonischen Werk auch institutionell zusammengehen, um die Entwicklungsarbeit aller evangelischen Kirchen zusammenzufassen. Welche Wünsche verbinden sich für Sie mit diesem Anliegen?
Thomas Kemper: Ich halte das Zusammengehen für den richtigen Weg und hatte mich schon vor Jahren, als es dann zum Zusammenschluss von nur vier Werken der ehemaligen AG - KED kam, für eine weitergehende Zusammenführung eingesetzt. Die Entwicklungsarbeit der evangelischen Kirchen muss mit einer Stimme sprechen dadurch deutlicher und sichtbarer werden. Als Vertreter der Freikirchen, die keine Kirchensteuer wie die Landeskirchen kennen, ist mir dabei auch wichtig, dass die Finanzierungsquellen aus Spenden, Kirchensteuern und staatlichen Mitteln in einem Werk zusammengefasst werden und so flexibler und kreativer eingesetzt werden können.
Endlich würde damit auch die entwicklungspolitisch nicht sinnvolle Trennung von langfristiger Entwicklungsarbeit und aktueller Katastrophenhilfe aufgehoben. Aus diesen und vielen anderen Gründen muss deshalb dieses neue Werk auch von außen als Entwicklungswerk wahrgenommen werden. Das Diakonische Werk in seiner Funktion als Spitzenverband für die sozialpolitische Arbeit der evangelischen Kirchen in Deutschland hat ebenso das Recht und die Pflicht darin deutlich wahrnehmbar zu sein. Es sind noch intensive Diskussionen nötig, um zu prüfen in welchem Organisationsmodell man beiden berechtigten Ansprüchen am besten gerecht wird.
EED: Was ist Ihre Aufgabe als Missionssekretär der Evangelisch-methodistischen Kirche?
Thomas Kemper: Die Evangelisch-methodistische Kirche in Deutschland ist Teil der weltweiten United Methodist Church (UMC). So tagt in diesen Tagen in den USA die Generalkonferenz der UMC mit fast 1000 Delegierten aus über 50 Ländern. Sie ist das wichtigste Entscheidungsgremium für die weltweite Kirche, die in 129 Konferenzen in den USA, Afrika, Asien und Europa organisiert ist. Als weltweite Kirche haben wird deshalb auch in Deutschland kein von der Kirche getrenntes Missionswerk. Die von mir geleitete Abteilung für Mission und internationale kirchliche Zusammenarbeit ist verantwortlich, die Teilhabe der deutschen Evangelisch-methodistische Kirche an dieser weltweiten Gemeinschaft zu gestalten. Ich selbst bin von der Ausbildung her Entwicklungsoziologe. Vielleicht auch typisch für das starke Laienelement in unserer Kirche, dass so eine Aufgabe nicht von einem ordinierten Theologen wahrgenommen wird.
Der Schwerpunkt unserer Zusammenarbeit liegt in Afrika und Brasilien. In den letzten Jahren ist auch die Zusammenarbeit mit den methodistischen Kirchen im Osten Europas sehr stark gewachsen. Wir tun dabei auch das, was traditionell Missionswerke tun und senden Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen nach Übersee und unterstützen finanziell Projekte in unseren Partnerkonferenzen. Durch die internationale Struktur unserer Kirche ist es dabei fast schon selbstverständlich, dass zu unseren Mitarbeitern ein kongolesischer Psychologe gehört, der in einem Projekt mit traumatisierten Jugendlichen in Liberia arbeitet oder eine brasilianische Pastorin als Dozentin an einem theologischen Seminar in Mosambik. Gleichzeitig versuchen wir, den Austausch und die Präsenz der weltweiten Kirche in unserem eigenen Land durch die internationale Zusammenarbeit zu stärken.
EED: Sie gehören zu den dienstältesten Aufsichtsratmitgliedern des EED. Was bewegt Sie, Ihre Zeit und Ihr Engagement für den EED einzubringen?
Thomas Kemper: Mir ist wichtig, die Stimme der Freikirchen einzubringen, die ich über die Vereinigung Evangelischer Freikirchen im EED vertrete. Diese in Deutschland kleinen Kirchen haben weltweit doch eine deutlich größere Bedeutung im Spektrum der christlichen Kirchen und Gemeinschaften. Ihre eigene Weise Kirche zu leben, „fromm und frei", kann ein besonderer Beitrag zur Arbeit des EED sein. Ich habe besonders durch viele Jahre, die ich in Brasilien gelebt und gearbeitet habe, erfahren, wie eng persönlicher Glaube und politisches Engagement für eine gerechte und friedliche Entwicklung zusammenhängen können. Ich hoffe, dass es mir gelingt, dies auch durch meine Mitarbeit im EED zusammenzuhalten.
Aus meiner Biographie ist mir die Weiterführung des alten Mottos von Dienste in Übersee wichtig: „Menschen bewegen". Der Einsatz für den Personaldienst in vielfältigster Gestalt im EED ist mir deshalb ein besonderes Anliegen. Evangelische Entwicklungsarbeit braucht Gesichter und Menschen. Dabei möchte ich dazu beitragen beim Süd-Süd und Süd-Nord Austausch noch kreativer zu werden. Sehr befriedigend für mich ist es auch, wenn ich sehe, dass es im EED immer wieder gelingt die internationale Programmarbeit und die Advocacyarbeit zusammen zubringen; also die Stimme der Partner hier zu Gehör zu bringen. Die anstehenden Konferenzen zur Biodiversität in Bonn sind dafür nur ein Beispiel.
EED: Sie gehören der Evangelisch- methodistischen Kirche an. Welche Bedeutung hat ein kirchliches Entwicklungswerk wie der EED für die Arbeit Ihrer Kirche?
Thomas Kemper: Die methodistische Kirche in Deutschland hat sich bei Gründung der EZE und von Dienste in Übersee für einen ökumenischen Weg entschieden. Von meinen Kollegen in Skandinavien kenne ich es, dass dort auch die kleinen methodistischen Kirchen überall direkten Zugang zu staatlichen Mitteln haben. Dies haben wir hier in Deutschland bewusst nicht gewollt, um diese Arbeit ökumenisch zu tun und uns als evangelische Christen mit einer Stimme in die entwicklungspolitische Diskussion einzubringen. Ich denke, diese Entscheidung hat sich bewährt und unsere Kirche und die Freikirchen werden im EED geschätzt und sind beteiligt. Das zeigt sich sicher auch darin, dass mit mir zum ersten Mal ein Vertreter der Freikirchen den Bewilligungsausschuss leitet. Ich sehe in dieser engen Zusammenarbeit auch die Chance, dass wir uns als kleine Kirche an Aktionen beteiligen, die wir allein so nicht entwickeln können. Sehr gut sind in unserer Kirche zum Beispiel die EED Aktivitäten zum Gipfel in Heiligendamm angekommen. Die „8 Minuten für Gerechtigkeit" wurden in einer Vielzahl der Gemeinden umgesetzt.






